Fachartikel – wetando Nachhaltigkeitsberatung
CO₂-Bilanzierung

Corporate Carbon Footprint: Scope 1, 2 und 3 erklärt

Dr. Martin SchunkMärz 202611 Min. Lesezeit

Der Klimawandel zwingt Unternehmen zum Handeln. Wer seinen CO₂-Fußabdruck nicht kennt, kann ihn nicht steuern. Die CO₂-Bilanz – auch Corporate Carbon Footprint (CCF) genannt – ist das zentrale Instrument, um Treibhausgasemissionen systematisch zu erfassen, zu bewerten und gezielt zu reduzieren. Dieser Leitfaden erklärt, wie die Bilanzierung nach dem GHG-Protokoll funktioniert und wie Sie als Unternehmen den Einstieg schaffen.

Was ist ein Corporate Carbon Footprint?

Der Corporate Carbon Footprint erfasst sämtliche Treibhausgasemissionen, die direkt oder indirekt durch die Geschäftstätigkeit eines Unternehmens verursacht werden. Dabei werden alle klimarelevanten Gase – darunter CO₂, Methan (CH₄), Lachgas (N₂O) und fluorierte Gase – in CO₂-Äquivalente (CO₂e) umgerechnet. So entsteht eine einheitliche Vergleichsgröße.

Der CCF unterscheidet sich vom Product Carbon Footprint (PCF), der die Emissionen eines einzelnen Produkts über dessen Lebenszyklus betrachtet. Während der PCF für Produktkennzeichnungen und Lieferantenanforderungen relevant ist, bildet der CCF die Grundlage für die unternehmensweite Klimastrategie und die Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Gut zu wissen: Eine CO₂-Bilanz ist nicht nur regulatorische Pflicht, sondern auch strategisches Steuerungsinstrument. Sie identifiziert Einsparpotenziale, senkt langfristig Energiekosten und stärkt die Positionierung gegenüber Kunden, Investoren und Geschäftspartnern.

Das GHG-Protokoll: Der internationale Standard

Das Greenhouse Gas Protocol (GHG-Protokoll) wurde im Jahr 2001 vom World Resources Institute (WRI) und dem World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) veröffentlicht. Es hat sich seitdem als weltweit führender Standard für die Bilanzierung von Treibhausgasemissionen etabliert. Rund 97 Prozent der S&P-500-Unternehmen nutzen das GHG-Protokoll als Grundlage.

Der Kern des GHG-Protokolls ist die Einteilung aller Emissionen in drei Scopes (Geltungsbereiche). Diese Struktur stellt sicher, dass keine Emissionsquellen übersehen werden und Doppelzählungen vermieden werden.

Weitere Informationen finden Sie direkt beim GHG Protocol.

Scope 1: Direkte Emissionen

Scope 1 umfasst alle Treibhausgasemissionen, die direkt aus unternehmenseigenen oder kontrollierten Quellen stammen. Diese Emissionen hat das Unternehmen unmittelbar in der Hand.

Typische Scope-1-Quellen

  • Heizungsanlagen: Verbrennung von Erdgas, Heizöl oder Pellets in eigenen Gebäuden
  • Fuhrpark: Diesel-, Benzin- und Erdgasfahrzeuge im Firmenbesitz
  • Produktionsprozesse: Chemische Reaktionen, Schmelz- und Härteprozesse, die direkt Treibhausgase freisetzen
  • Kältemittelverluste: Leckagen aus Klima- und Kühlanlagen mit fluorierten Kältemitteln (F-Gase mit sehr hohem Treibhauspotenzial)

Praxistipp: Beginnen Sie Ihre CO₂-Bilanz mit Scope 1. Die Daten liegen meist in der Buchhaltung vor – Heizkosten, Tankbelege, Kältemittelprotokolle. Der Einstieg ist einfacher als viele denken.

Scope 2: Indirekte Energieemissionen

Scope 2 erfasst die indirekten Emissionen aus dem Bezug von Energie, die außerhalb des Unternehmens erzeugt wird. Die wichtigsten Quellen sind eingekaufter Strom, Fernwärme, Fernkälte und Dampf.

Das GHG-Protokoll empfiehlt seit 2015 ein sogenanntes Dual Reporting mit zwei Berechnungsmethoden:

Location-based-Methode

Hier wird der durchschnittliche Emissionsfaktor des jeweiligen Stromnetzes herangezogen. Für Deutschland lag dieser 2024 bei rund 380 g CO₂e pro kWh. Diese Methode zeigt, wie klimafreundlich der Strommix am Standort tatsächlich ist.

Market-based-Methode

Bei dieser Methode werden die spezifischen Emissionsfaktoren des gewählten Energieanbieters oder -tarifs verwendet. Unternehmen, die Ökostrom mit Herkunftsnachweisen beziehen, können hier deutlich niedrigere oder sogar Null-Emissionen ausweisen.

Hinweis: Das GHG-Protokoll empfiehlt, beide Methoden parallel auszuweisen. So wird transparent, ob eine Reduktion durch den Kauf von Zertifikaten oder durch echte physische Veränderungen im Energiemix erreicht wurde. Weitere Details bietet die Scope 2 Guidance des GHG Protocol.

Scope 3: Emissionen der Wertschöpfungskette

Scope 3 ist der komplexeste, aber oft auch der größte Emissionsbereich. Er umfasst alle indirekten Emissionen, die in der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette entstehen. Bei vielen Unternehmen machen Scope-3-Emissionen 75 bis 90 Prozent des gesamten CO₂-Fußabdrucks aus.

Das GHG-Protokoll definiert 15 Kategorien, aufgeteilt in Upstream (vorgelagert) und Downstream (nachgelagert):

Nr.KategorieBereich
1Eingekaufte Güter und DienstleistungenUpstream
2KapitalgüterUpstream
3Brennstoff- und energiebezogene Emissionen (nicht in Scope 1/2)Upstream
4Transport und Verteilung (vorgelagert)Upstream
5Abfall aus dem BetriebUpstream
6GeschäftsreisenUpstream
7Arbeitnehmer-PendelnUpstream
8Angemietete oder geleaste SachanlagenUpstream
9Transport und Verteilung (nachgelagert)Downstream
10Verarbeitung der verkauften ProdukteDownstream
11Nutzung der verkauften ProdukteDownstream
12Entsorgung der verkauften ProdukteDownstream
13Vermietete oder verleaste SachanlagenDownstream
14FranchisesDownstream
15InvestitionenDownstream

Die größte Herausforderung bei Scope 3 liegt in der Datenverfügbarkeit. Für viele Kategorien müssen Unternehmen auf Schätzungen, Branchendurchschnitte oder die Angaben ihrer Lieferanten zurückgreifen. Dennoch ist eine zumindest grobe Scope-3-Bilanz unverzichtbar, da sie die tatsächlichen Hebel für Klimaschutz offenlegt.

Praxistipp: Starten Sie Scope 3 mit den wesentlichen Kategorien (Relevanzanalyse). Für die meisten Unternehmen sind Kategorie 1 (eingekaufte Güter), Kategorie 6 (Geschäftsreisen) und Kategorie 7 (Pendeln) ein guter Einstieg.

Rechtliche Anforderungen

Die regulatorischen Anforderungen an die CO₂-Bilanzierung haben sich in den letzten Jahren erheblich verschärft:

  • CSRD und ESRS E1: Der European Sustainability Reporting Standard E1 (Klimawandel) verpflichtet berichtspflichtige Unternehmen zur Offenlegung ihrer Scope-1-, Scope-2- und wesentlichen Scope-3-Emissionen. Das EU-Omnibus-Paket hat die Schwellenwerte angehoben, sodass nun weniger Unternehmen direkt berichtspflichtig sind – doch die indirekte Betroffenheit durch Lieferketten bleibt.
  • BEHG – CO₂-Bepreisung: Das Brennstoffemissionshandelsgesetz verteuert fossile Brennstoffe in Deutschland schrittweise. Der CO₂-Preis lag 2025 bei 55 Euro pro Tonne und steigt weiter. Eine CO₂-Bilanz zeigt, wo diese Kosten im Unternehmen anfallen und wie sie reduziert werden können.
  • Lieferkettenanforderungen: Große Auftraggeber verlangen zunehmend CO₂-Daten von ihren Zulieferern – unabhängig von der gesetzlichen Berichtspflicht.

So starten Sie Ihre CO₂-Bilanz – 7 praktische Schritte

Der Weg zur ersten CO₂-Bilanz muss nicht kompliziert sein. Mit einer klaren Struktur und pragmatischem Vorgehen gelingt der Einstieg:

  1. Management-Commitment sichern: Ohne die Unterstützung der Geschäftsführung fehlen Ressourcen und Verbindlichkeit. Benennen Sie eine verantwortliche Person und verankern Sie das Thema in der Unternehmensstrategie.
  2. Systemgrenzen definieren: Legen Sie fest, welche Standorte, Tochtergesellschaften und Aktivitäten einbezogen werden. Das GHG-Protokoll bietet dafür den Control-Approach oder den Equity-Share-Approach.
  3. Mit Scope 1 und 2 beginnen: Diese Daten sind in der Regel verfügbar (Energieabrechnungen, Fuhrparkdaten) und liefern schnell ein erstes Bild.
  4. Aktivitätsdaten erheben: Sammeln Sie Verbrauchsdaten für mindestens ein vollständiges Geschäftsjahr – idealerweise das letzte abgeschlossene Jahr als Basisjahr.
  5. Emissionsfaktoren anwenden: Nutzen Sie anerkannte Datenbanken wie DEFRA, ecoinvent oder GEMIS, um Verbrauchsdaten in CO₂-Äquivalente umzurechnen.
  6. Scope 3 schrittweise angehen: Führen Sie zunächst eine Relevanzanalyse durch und bilanzieren Sie die drei bis fünf wesentlichsten Kategorien. Verfeinern Sie die Datenqualität über die folgenden Jahre.
  7. Tool nutzen: Kostenlose Werkzeuge wie ecocockpit (bereitgestellt über die Klimaschutz-Initiative) erleichtern den Einstieg erheblich. Für komplexere Anforderungen gibt es kommerzielle Lösungen verschiedener Anbieter.

Unterstützung durch wetando: wetando erstellt für Unternehmen jeder Größe professionelle CO₂-Bilanzen nach dem GHG-Protokoll – von der ersten Scope-1/2-Erfassung bis zur vollständigen Scope-3-Bilanzierung. Gerne erstellen wir Ihnen ein unverbindliches Beratungsangebot. Die Beratung ist in vielen Fällen über Förderprogramme des Bundes und der Länder förderfähig. Jetzt Erstgespräch vereinbaren.

Fazit

Die CO₂-Bilanzierung ist kein bürokratischer Selbstzweck, sondern ein wirkungsvolles Managementinstrument. Sie schafft Transparenz über die tatsächlichen Emissionsquellen, deckt Einsparpotenziale auf und bildet die Grundlage für eine glaubwürdige Klimastrategie. Mit dem GHG-Protokoll als bewährtem Rahmenwerk und einer schrittweisen Vorgehensweise – von Scope 1 über Scope 2 bis hin zu den wesentlichen Scope-3-Kategorien – gelingt der Einstieg auch für Unternehmen, die bisher keine Erfahrung mit Klimabilanzen haben.

Entscheidend ist, den ersten Schritt zu gehen: Eine grobe Bilanz heute ist wertvoller als eine perfekte Bilanz in zwei Jahren.

Quellen

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